Kreativer Chaot, Liebhaber von präziser Sprache, verwirrend und verwirrt.

Meine Mutter meint, man müsste mir methodisch meine mentalen Meisen misten.
Die Welt hat sich im Jahre 1998 grundlegend verändert. Nicht im globalen Ausmass (zumindest NOCH nicht) – aber für meine Eltern. Sie haben in diesem Jahr ihr Leben um einiges chaotischer, lauter, verwirrender und hoffentlich auch interessanter gemacht, als sie mich aus dem Krankenhaus nach Hause brachten. Seit Jahren frage ich meinen Vater zwei- bis dreimal im Jahr (meist an seinem und meinem Geburtstag, manchmal auch an Vatertag), ob er es bereut, nicht verhütet zu haben. Noch immer warte ich auf eine definitive Antwort.
Ich warte auch noch immer auf meinen einsetzenden Bartwuchs – denn ich würde mit einem Schnauzer echt gut aussehen. Nein, ich meine nicht die Hunderasse. Aber immerhin konnte ich auf meinem Studi-Ausweis nachhelfen. Ich warte auch immer noch auf meinen Brief von Hogwarts, doch die Eulen haben wohl verkackt. Dann muss ich wohl weiterhin in der Küche zaubern.
Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von komischen Zufällen; von tragisch-dummen Gegebenheiten; von blinden Hühnern, die Körner finden. Durch meine abstruse Biografie wurde ein Charakter geformt, der das Prädikat „voll am Arsch“ wahrlich verdient hat. Ich würde mich nur ungern als halb Gott und halb Amöbe bezeichnen, tue es aber einfach trotzdem. Um mich selbst wieder ein wenig vom hohen Ross zu stürzen: Der göttliche Anteil gehört zum griechischen Bacchus, der Amöbenteil zur Gattung Chaos. Der Narzissmus hält sich daher in Grenzen… während ich selbst trotzdem gerne Grenzen aus der Ferne beobachte und dann irgendwann überschreite – mit Anlauf und Kopf voran.
Meine künstlerische Tätigkeit hat, abgesehen von den abstrakten Pollock-Duplikaten in meinen Windeln, um die Jahrtausendwende angefangen und bislang keinen Abriss erlebt. Egal ob Zeichnen, Malen, Schreiben, Formen und Verändern, Forschen und Verzweifeln, Verflechten und Verwirren. Das Medium ist mir herzlich egal, das Erschaffen treibt mich an. Ohne Kreativität gehe ich ein, wie eine Seerose inmitten der Wüste Gobi. Klingt lebensfeindlich? Ist es auch.
Aufgewachsen bin ich in einem malerischen kleinen Dorf im idyllischen Wynental im Schweizer Aargau. Alle haben sich ganz doll lieb, ausser es steht mal wieder ein kontroverses Wahlprogramm an. Ich liebe das Dorfleben mit dem anregenden Geruch von Gülle am Morgen und SVP-Informationsanlässen am Nachmittag, ganz zu schweigen die Saufgelage an den Abenden mit Kräuterschnaps und Krummen. Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.
Aus diesem engstirnigen und eng-hirnigen Topf konnte ich schon immer mit Kunst entfliehen. Die Schule für Gestaltung in Aarau musste mich für ein ganzes Jahr im Vorkurs aushalten, wobei der Schulleiter amüsanterweise der Sohn meiner Kindergärtnerin war. Diese arme Familie hat keinen Anspruch auf finanzielle Kompensation, tut mir Leid. Danach verschlug es meine bebrillte Visage nach Luzern, um das Goldschmieden zu lernen. Hätte das geklappt, würde ich diesen Text vermutlich nicht verfassen. Nach diesem Drama rund um Kupferdrähte, unprofessionellen Lernsituationen und einem kleineren mental Breakdown kam eine weitere Wendung, wie sie sonst nur in griechischen Komödien zu finden sind: Mein unkonzentrierter Arsch musste die KV-Lehre angehen, um „etwas mit Zukunft“ zu lernen. Das war als ob eine vegan lebende Person in eine Metzgereilehre geworfen wird. Bisschen beschissen, wenn ihr mich fragt. Tut aber niemand. Glücklicherweise konnte ich so für zwei Jahre Erfahrung im Beamtenwesen sammeln und habe gelernt, das Strassenverkehrsamt in Luzern leidenschaftlich-passioniert zu verabscheuen. Ich danke allen Göttern, dass ich nicht gezwungen bin, Auto zu fahren. Eine weitere Bedrohung für die Menschheit abgewendet.
Von einem Büro zum nächsten hangelte ich mich nach Zürich in ein Journalismus-Praktikum. Da wurden meine Hirnfürze etwas mehr geschätzt, vor allem wenn ich mal wieder der ganzen Redaktion dümmlich-lustige Post-Its an die Monitore klebte. Das Schreiben lag mir, eine Ausbildung war bereits in Planung, als da urplötzlich jemand eine Fledermaus ablecken musste und die ganze Welt für so ungefähr zwei Jahre still stand. Gottseidank konnte ich die Firma meiner Eltern infiltrieren und ihre Website die nächsten drei Jahre up to date halten. Doch das bedeutete, wieder zurück im Dorf zu sein und die ländliche Stagnation hat mich gepackt. Bis zu einem schicksalhaften Tag, als mir eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung diagnostiziert wurde. Bäm, alles macht mehr Sinn. Und plötzlich bemerkte ich, dass ich so meine akademische Laufbahn aus dem Grab holen und wieder zum Leben erwecken konnte – fast wie Doktor Frankenstein – nur halt mit Bachelor. Und ohne Gewitter.
Nun ja, da wären wir. In meinem zweiten Jahr des Studiums, von dem ich glaubte, nie beginnen zu können. Mein Beileid an alle Beteiligten. Aber danke fürs Lesen.
Und hier sind noch einige Zitate von Bekannten:
„Du bisch komisch, ha di glich gärn“
– meine Mutter.
„Ninu ist ein schlechter Einfluss, aber bisschen lustig.“
– deine Mutter.
– jemandes Mutter.
„Wie sind Sie hier rein gekommen? Ich rufe die Polizei!“